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hier mal ein paar auszüge meiner bisher erschienen texte..

der erste:

Soviel wie tausend leben
Viktor Arndt ist Russlanddeutscher. Er wurde 1925 im Gebiet der später autonomen deutschen Wolgarepublik geboren, nach dem Einmarsch Hitlers in die Sowjetunion von dort ausgewiesen, nach Sibirien deportiert und war danach ein gutes Jahrzehnt in Haft. Anfang der 70er Jahre ist er ausgewandert und lebt seitdem im Herzen der ehemaligen DDR, in Leipzig.

Nach dem zweistündigen Besuch bei Viktor Arndt ist die Welt nicht mehr die selbe. Mit seinen 81 Jahren spricht er von seinem Leben, als gebe er einen Film wieder. Bei der russischen Variante der deutschen Pfannkuchen, den selbstgemachten Bliny, in Öl gebraten, gefüllt mit Schmand und einer süßen Kirschmarmelade, erzählt er seine Familien- und Lebensgeschichte: „Meine Vorfahren aus Hessen kamen 1767 an die Wolga. Die deutsche Zarin Katharina die Zweite lud ihre Landsleute ein, das Steppengebiet an der Wolga zu kultivieren.“ Diesem Aufruf folgten vor allem Siedler aus Baden, Hessen, der Pfalz und dem Rheinland, die in den Jahren 1764 bis 1767 dort ungefähr 100 Dörfer gründeten. Die Deutschen fanden im russischen Reich günstige Bedingungen vor und erhielten eine Reihe von Privilegien wie Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch als Sprache, eine finanzielle Starthilfe und 30 Jahre Steuerfreiheit. „1936 wurde dann die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ gegründet, nachdem das Gebiet bereits nach der russischen Revolution ab 1918 unabhängig war. Sie hielt aber nicht lange. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurde die Wolgadeutsche Republik aufgelöst, und wir wurden verbannt.“ Zu dieser Zeit lebten in dem Gebiet im Süden Russlands etwa 600.000 Einwohner, wovon etwa zwei Drittel deutscher Abstammung waren. Nach dem Angriff Hitlers 1941 wurden die etwa 400.000 Wolgadeutschen der Kollaboration mit Deutschland beschuldigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Der freundliche Mann mit dem gemütlichen Bauch überrascht immer wieder damit, wie detailliert er seine Erinnerungen wiedergibt: „Die Kindheit an der Wolga war wunderbar, und die Natur mit dem Fluss und den endlosen Weiten der Steppe paradiesisch. Als Kinder saßen wir oft am Wasser und fischten. Wenn wir selbst nichts gefangen hatten, bekamen wir Suppe von anderen Anglern“, erzählt der fröhliche alte Herr. Das „R“ rollt besonders, sein Deutsch klingt wie ein Dialekt, ähnlich der ostsächsischen Lausitzer Mundart. Es macht Spaß, ihm zuzuhören, präzise berichtet er von seiner Vergangenheit. Im Kopf entstehen Bilder, erst farbenfroh und unbeschwert, doch später erschreckend schwarz. „Im August `41 beschloss das „Präsidium des Obersten Sowjets“ die Auflösung der Wolgarepublik und am 17. September begann man die Einwohner aus Warenburg, so hieß der größte Ort in der Gegend, in Güterwaggons zu verfrachten. Die fuhren dann über Kasachstan nach Sibirien.“

Wochenlang waren die Familien unterwegs ins Ungewisse. Wer die Fahrt überstand, wurde auseinander gerissen, wie Viktor Arndt beschreibt: „Am Bahnhof standen Menschen, und von uns Deutschen wurden immer sieben bis acht Familien in ein Dorf mitgenommen. So verstreute man uns,und aus der Immigration wurde über die Jahre eine Assimilation, die deutsche Sprache und Kultur vermischten sich mit der russischen.“

Die Flucht aus der Taiga
So geschah es auch seiner Familie, die im Gebiet nahe Nowosibirsk angesiedelt wurde. „Bis zum Dezember 1942 habe ich dort in einer Kolchose gearbeitet, danach musste ich zum Arbeitsdienst, zum Militär durften wir ja nicht. So musste ich in den Ural in ein Lager, ähnlich den deutschen Konzentrationslagern.“ Wieder scheint es so, als wäre es nicht sein Leben über das er spricht. Gefasst, fast emotionslos erzählt Viktor Arndt vom Tod vieler Menschen. Die Erlebnisse sind verdrängt, weit weg für ihn. Nur die Stimme bebt ein bisschen. Genauer erläutert wird dieses Thema nicht, es ist spürbar, dass schreckliche Bilder in ihm auftauchen, auch wenn er nur im Ansatz das erste Arbeitslager erwähnt. „Am 13. April 1943 bin ich mit drei Kameraden desertiert. Wir waren zum Holzfällen inmitten der Taiga. Weil es dort sowieso weit und breit nichts gab außer vier bis fünf Meter hohem Schnee, hatten wir auch keine Wachen. Wir sind dann einfach los, naiv wie wir waren mit unseren 17 Jahren. Und natürlich haben sie uns gefasst.“ Die Strafe – acht Jahre Gefängnis im Nordural. Dort wurde er schwer krank. Was es war, verrät er nicht und redet schnell weiter, so als möchte er diese Zeit übergehen, sich nicht zu sehr damit auseinander setzen. Die Bilder: Es scheint fast so, als blitzen sie hinter seinen leuchtenden, wachen, blauen Augen auf und werfen düstere Schatten. „Aufgrund der Krankheit wurde ich als Invalide eingestuft und aussortiert. Wir mussten dann 200 Kilometer nach Solikomsk zur Torfgewinnung durch den Ural laufen, ohne Essen oder besondere Kleidung. Doch ich war krank, kam später in ein Hospital und wurde dort nach einer langen Zeit als Invalide bestätigt. Das war meine Rettung, denn so durfte ich nach Hause.“
Die Erleichterung darüber ist Viktor Arndt noch heute anzumerken. Er fuhr zurück zu seiner Familie. Doch daheim warteten nur noch seine Mutter und eine ihm sehr nahe stehende Tante. Sein Vater war schon vor Jahren verhaftet und ermordet worden. Die Freude über die Rückkehr währte jedoch nicht lange, wie er mit einer Selbstverständlichkeit erzählt, als wäre es der natürliche Lauf der Dinge: „Es war ´46. Ich war mit meiner Tante auf dem Weg zurück nach Hause. Wir hatten einer alten Oma bei der Kartoffelernte geholfen. Das war etwas nördlich von Nowosibirsk. Damals durften wir uns nicht von unseren Dörfern entfernen, außer wir hatten Genehmigungen, die es natürlich nicht gab. Doch Nowosibirsk war so nahe, und deshalb machten wir uns keine ernsthaften Sorgen. Auf dem Rückweg haben sie mich geschnappt, meine Tante blieb verschont. Ich bekam fünf Jahre Straflager in Krasnojarsk. Dort blieb ich bis 1952.“ Bis hierher ist es schon mehr als ein Jahrzehnt, dass der damals noch nicht einmal 30-Jährige in Gefangenschaft verbracht hatte. Es erstaunt, dass dieser Mann nicht voller Frust, Hass oder Verzweiflung ist. Das Gegenteil ist der Fall. Während er immer wieder neue Episoden seines Lebens erzählt, schaut er freundlich auf, greift beherzt zu den Pfannkuchen und genießt sie mit reichlich Zucker und Kaffee. „1952 kam ich dann zurück nach Sibirien, holte mein Abitur nach und wurde Deutschlehrer. Ich habe die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sehr geliebt. Doch die Partei sah das anders und fand mein Engagement für die deutsch-sowjetische Freundschaft wohl etwas zu groß. Ich fühlte mich ausgegrenzt und stellte daraufhin einen Antrag zur Ausreise in die DDR.“ Er lacht dabei und erzählt, dass er nicht wusste, dass die Immigration in die DDR viel schwieriger war als in die Bundesrepublik. „Vielleicht wäre ich dann drüben gelandet.“

Die Familie ist vereint
Aber hastig sagt er: „Doch ich bin froh, dass ich in Leipzig bin und würde diese Stadt auch gegen keine andere eintauschen wollen.“ 1964 wurden die Wolga- und anderen Russlanddeutschen offiziell vom Vorwurf der Kollaboration befreit und die Bundesrepublik Deutschland ermöglichte ihnen seit den 1970er Jahren die Ausreise in die Bundesrepu-blik. Viktor Arndt ist seit dem 28. September 1971 in Leipzig und hat sich sehr schnell wohl gefühlt. Die Anfangszeit in seiner neuen Heimat beschreibt er so: „Sprachlich hatte ich keine Probleme, und Arbeit zu finden war auch nicht schwer. Ich hätte auch wieder Deutsch unterrichten können, bin dann aber als Übersetzer zu Intertext gegangen. Mittlerweile habe ich gute Freunde gefunden, nicht viele, aber dafür wirklich sehr gute.“
Im Laufe der Jahre sind auch seine Mutter und ihre Schwester, seine Tante, nach Leipzig gekommen. Eigentlich wollten sie mit ihm zusammen nach Deutschland einreisen, doch die Anträge wurden abgelehnt. Viktor Arndt hat sehr dafür gekämpft, dass die Familie wieder gemeinsam leben konnte. „Das war ein unglaublicher Aufwand. Gleich nach meiner Ankunft habe ich angefangen, mit den Behörden zu sprechen, bin nach Berlin gefahren und auf die verschiedenen Stellen hier in Leipzig. Sie behaupteten, dass die Wohnung in der ich wohne, mit ihren 40 Quadratmetern zu klein für drei Personen sei, dabei hätten sie mal sehen sollen, wie wir in Sibirien gehaust hatten. Sie hatten ja keine Ahnung!“ Letztlich schaffte er es. Bald nach seinem Einzug in Leipzig empfing er sowohl seine Mutter, als auch seine Tante. 1973 kamen auch seine beiden jüngeren Brüder nach. „Heute ist das ja schon anders mit den Russlanddeutschen, die hierher wollen. Die Sprache ist nun mal der Schlüssel zur Integration. Viele sprechen kaum Deutsch, eine alte Oma ist sozusagen die Lokomotive, die den ganzen Zug der Familie mit sich nach Deutschland zieht. Angelockt von materiellen Gütern verlassen sie ihre Heimat. Ich sage ganz klar: Wer sich zu Hause in der ehemaligen Sowjetunion mit dem Leben ganz gut arrangiert hat, der sollte dort bleiben.“ Plötzlich streift Melancholie sein Gesicht, und auf die Frage, wo seine Heimat sei, antwortet er viel leiser als zuvor: „Ich habe keine Heimat mehr.“
In den 80er Jahren war er noch einmal beruflich in Kiew und schloss eine Reise in die Wolgaregion an. Er hält inne und fängt an zu erzählen: „Das war ganz furchtbar. Von dem, was ich kenne, ist nichts mehr übrig, weder unser Dorf noch die Wälder ringsherum. Ich fühle mich hier in Leipzig zu Hause, aber eine Heimat habe ich nicht mehr. Es ist das Schlimmste, wenn man das sagen muss.“ Er schweigt kurz und wechselt schnell das Thema, spricht von der tiefen Krise, in der Deutschland gerade stecke, vom Kapitalismus und Sozialismus. Dann steht er auf und holt ein kleines Büchlein. Es ist recht alt und mit handschriftlichen Notizen und eingeklebten Zetteln gefüllt. Nach wenigen Sekunden hat er gefunden, was er suchte – ein Zitat von Marx. Es ist erstaunlich wie politisch interessiert sich der 81-Jährige zeigt. Hunderte deutsche und russische Bücher füllen die Regale in seiner kleinen Wohnung. Natürlich gelte sein Hauptinteresse „seinen beiden Ländern“. Sie liegen ihm sehr am Herzen, wie er mehrmals im Verlauf des Gesprächs betont: „Deutschland ist das Land meiner Vorfahren. Jede negative Entwicklung, wie der Wegzug vieler junger Leute und Akademiker, tut mir in der Seele weh. Ich leide und lebe mit und für Deutschland.“ Zu Russland verhalte es sich genauso, nur sei es ihm in den letzten Jahren fremd geworden. Er wird ruhiger und sagt: „Ich beschwere mich nicht, ich bereue auch nichts. Überall wo ich war, bin ich guten Menschen begegnet, denen ich auch mein Leben verdanke.“ Dann fällt der Blick wieder auf die Bliny und eine leere Kaffeetasse. Er greift zu, und schnell sind die Teller und Tassen wieder gefüllt, ein Lächeln liegt in der Luft. So unglaublich wie diese Geschichte in nur ein Leben passt, so unglaublich ist es, dass es Tausende gibt, die sie erzählen könnten.


und nummer 2:

Mit dem zelt den süden almatys entdeckt

Das Gebirge im Süden Almatys ist meist nur als Teil des Trans-Alatau-Weges zum Issyk-Kul, dem größten Bergsee in Kirgisistan, bekannt. Doch saftige Felder, wilde Flüsse und schneebedeckte Gebirgspässe beglücken jedes Wandererherz. Die Natur nahe der Millionenstadt bietet eine einmalige Vielfalt.

„Wo wollt ihr denn hin?“, fragt die noch verschlafene Kassiererin im pinken T-Shirt und blauen Gummisandalen mit skeptischem Blick auf unsere beiden mit Zelt und Isomatten bepackten Rucksäcke. Um halb sieben Uhr morgens stechen wir zwei Wanderer in schweren Schuhen und Regenjacken aus der kleinen Menschenmenge hervor, die im Bus Nummer Sechs nach Medeo sitzt. Die Antwort ist kurz: „In die Berge.” Wir wollen mehrere Tage vom Linken Talgartal aus über den Touristow-Pass hinunter zum großen Almatiner See gehen.
Das gelbe Gefährt schlängelt sich eine knappe halbe Stunde die Serpentinen hoch zum Medeo-Eisstadion. Es liegt 600 Höhenmeter oberhalb von Almaty und ist der Ausgangspunkt der Tour durch das Alatau-Gebirge. Die Gegend um das Stadion ist am frühen Donnerstagmorgen menschenleer, ganz anders als am Wochenende, wenn sich an dem beliebten Ausflugsort die Massen sammeln. Als wir den Bus verlassen, streckt die Kassiererin kurz ihren blonden Schopf aus dem Fenster und ruft: „Viel Glück!” Das können wir gebrauchen, denn das Wetter wirkt alles andere als vielversprechend. Dunkle Wolken ziehen am Himmel entlang, Almaty liegt unter einer trüben Glok-ke und in der Ferne ist der Regen schon sichtbar. Trotzdem machen wir uns frohen Mutes auf den ersten Tagesmarsch über das Kommisartal zum Berg „Furmanowka”. Vorbei an einzelnen, halb fertig gebauten Häusern geht es nach einem kurzen asphaltierten Stück steinig bergauf. Pferde und Kühe auf der kleinen Weide des letzten Hauses am Waldrand lassen wir hinter uns. Das Rauschen des Butakowka-Flusses bildet die einzige Geräuschkulisse. Mittlerweile ist Nebel aufgezogen und der Regen trommelt auf die Jacken. Monotonen Schrittes laufen wir auf einem Pfad immer an einem Gebirgskamm entlang. Man sieht nur wenige Meter weit, der Niederschlag wird immer stärker, Zeit um zu rasten. Auf der kleinen Ebene in knapp 3.000 Meter Höhe am Fuße des „Furmanowka” finden sich viele geeignete Plätze zum Zelten, denn es ist flach und nicht steinig. Die vielen Stunden bis zum Morgengrauen warten wir im Zelt und hoffen, dass Blitz und Donner nicht die Begleiter der nächsten Tage sind.

Auf in die Abgeschiedenheit
„Nataschka, aufwachen”, murmelt um fünf Uhr morgens mein Bergfreund Aggey und hält schon heißen Schwarztee bereit. Ich höre den Gaskocher surren und der Geruch von morgendlichem, süßem Buchweizenbrei liegt in der Luft. Das Wetter ist gut, die Sonne kriecht hinter den Bergrücken hervor und über Almaty spannt sich ein Regenbogen. Die Luft ist klar und frisch, als wir später den ersten Pass überqueren und auf das Alataugebirge schauen. Am Horizont erhebt sich der Berg Talgar mit seinen gut 5.000 Metern in Schnee und Eis. Wieder setzt leichter Regen ein, als wir die grünen Felder hinunter in das fast 1.000 Meter tiefer gelegene Linke Talgartal gehen. Steil verläuft der Weg vorbei an Felsen und von Feuer abgebrannten Bäumen zum Ufer des Flusses Talgar. Wir kämpfen uns durch nasses, mannshohes Gras, kalte Gebirgsbäche und über umgestürzte Bäume. Die Natur scheint wild und unberührt. Blumen sprießen in allen Farben und Formen aus dem Boden. Das Tal ist eng, die braunen Wassermassen des Flusses strömen gewaltig durch die Schlucht. Am Ufer wechseln sich steinige Moränen und saftig grüne Felder ab. Nur ab und an ist doch eine Spur von Menschen zu sehen – Feuerstellen mit verkohltem Holz und darin immer wieder alte Blechdosen.
Nach fünf weiteren Stunden finden wir einen gemütlichen Fleck auf den Wiesen der „Alpinskaja Rosa”. Feuerholz ist in dem angrenzenden Waldstück schnell gefunden und mit Blick auf die felsige Schlucht kehrt Ruhe in die erschöpften Gemüter.

Über den Touristow-Pass ins Tal der Almatinka
Der Weg führt immer am Flusslauf entlang. „Normalerweise ist er absolut unkompliziert und leicht zu gehen”, sagt Aggey, als er auf einem Geröllberg steht. Kopfschüttelnd schaut er auf den Bach, der zehn Meter unter ihm liegt und durch die letzte Schneeschmelze entstand. Der 21-jährige Almatiner geht seit frühester Kindheit in die Berge, ist Mitglied in der Alpinistenmannschaft und nutzt unsere Tour als Vorbereitung für die anstehende Expedition zum über 7.000 Meter hohen Pik Lenin. Seine Erfahrung hilft uns an dieser Stelle, denn es ist kompliziert und kostet Zeit, die steilen Erdwände hinunter zu klettern, durch das schlammige Wasser zu waten und sich auf der anderen Seite an den Steinen nach oben zu kämpfen. Doch nach diesem Abenteuer wartet Belohnung. Weiter am Fluss entlang erreicht man einen grünen Hügel von dem man auf das weite „Tal der Sonne” schaut. Hier durchzieht der Fluss in sanften Zügen die grüne Ebene, Gebirgsblumen säumen den Weg, in der Ferne erheben sich die schneebedeckten Berge.
Die Landschaft bleibt für einige Stunden so idyllisch. Hier und da verändert sich das Ufer, Gras wechselt sich mit kleinen, hellen Steinen ab. Am blauen Himmel schleichen dicke, weiße Wolken entlang, in der Sonne glitzert das klare Flusswasser und über den Gräsern schimmert es golden.
Der Weg führt jetzt gen Westen hinauf an den Fuß des „Touristow-Passes”. Drei Stunden lang gehen wir aus der farbenfrohen Landschaft des Linken Talgartals herauf und erreichen den kahlen Lagerplatz auf fast 3.500 Metern Höhe. Große Findlinge säumen das Ende der Gletschermoräne, ein Gebirgsbach plätschert leise zwischen den eisigen Wänden der umliegenden Berge. Kein Baum, kein Strauch, vereinzelt bedecken noch Gräser das Land, ansonsten nur Geröll, soweit das Auge reicht. Der Aufstieg zum Pass über die Steinfelder ist mühsam, die zu überwindende Schneewand ist schon von weitem zu sehen und nur das schrille Pfeifen der Murmeltiere durchzischt manchmal die Luft. Als wir oben stehen, durchbricht Sonnenlicht die dunkle Wolkendecke, der grelle Schnee lässt uns blinzeln, melancholisch blicken wir ein letztes Mal zurück ins Tal und machen uns dann an den Abstieg.

So nah und doch so fern
Nur wenige hundert Meter stapft man durch kniehohen Schnee. Danach führen die zahlreichen Steinhäufchen als Wegmarkierung hinunter ins Tal der großen Almatinka. Einige Stunden dauert der leichte Abstieg, auf dem man auch auf den „Osornoje Pass”, die Grenze zu Kirgisistan und den Weg zum Bergsee Issyk-Kul blickt. Die kahle Landschaft mit den braunen Flächen und Steinen überragt die höchsten Gipfel des Tujuk-Su Gletschers, der „Pik-Kamsamol” und der „Pik-Sowjetow”. Dieser thront immer rechterhand und dient so als gute Orientierungshilfe, denn an seinen westlichen Ausläufern liegt das Ziel, der große Almatiner See.
„Wir sind in den drei Tagen noch keinem Menschen begegnet”, sagt Aggey, als er im Gras liegend, die Hände im Nacken verschränkt, in die Sonne schaut. Zu hören sind nur das Rauschen des Flusses und der Wind, der die Gräser streift. Diese Spuren der Natur sind die einzigen Begleiter auf dem Pfad oberhalb des Flusslaufes. Über Wurzeln und Sträucher dauert es noch gute zwei Stunden bis sich der türkise See zwischen den Bergen zeigt. Ein schöner Platz für das Nachtlager liegt oberhalb des Ufers zwischen großen Felsbrocken und dunkelgrünen Nadelbäumen. Dort ist es ruhig und der Blick streift in einer Richtung den See mit dem Damm und den vereinzelten Häusern und in der anderen Richtung die unberührten weiten Täler und schneebedeckte Berge. Das Ende der Route ist nahe, Zivilisation seit Tagen erstmalig sichtbar. Die letzten Stunden auf dem Rundkurs um Almaty lassen wir auf einem der Findlinge ausklingen. Die Sonne verschwindet langsam hinter der Gipfelpyramide des Großen Almatiner Berges, die Farbe des Sees wird immer dunkler und schimmert letztlich als wäre es Eis.


alle guten dinge sind drei:

Erkenntnisse aus dem Munde eines Altkommunisten

Höhepunkt bei der Europa-Woche in Almaty war der Vortrag des Tschechen Pavel Kohout. Er nahm am Prager Frühling teil, erfuhr sowjetische Repressalien und lebte nach seiner Zwangsausbürgerung in Wien. Über das Ende des Kalten Krieges, die Werte von Demokratien und auch über sein Leben, sprach der 78-Jährige an der Nationalen Al-Farabi-Universität.

„Er ist unser prominenter Gast innerhalb der Europa-Woche.“ So begrüßte der Leiter des Goethe-Instituts Almaty, Richard Künzel, den tschechischen Schriftsteller Pavel Kohout am Abend des 15. Mai zu seinem Vortag über „Glanz und Elend von Demokratien“.
Von den mit rotem Samt überzogenen Sesseln im Hörsaal 225 der Al-Farabi-Universität fällt der Blick auf ein überlebensgroßes Plakat des kasachischen Präsidenten. Daneben mahnt er auf einem Banner die Studenten zu Fleiß und erinnert an die „Strategie Kasachstans zum Aufstieg zu den 15 führenden Industrienationen“.
Der große Raum ist kaum gefüllt, nur gut eine Hand voll Menschen haben bis hierher gefunden. Das Zifferblatt der Uhr ist genau geteilt – Zeit, um anzufangen, offiziell. Inoffiziell wird aber noch etwas gewartet. In Kasachstan ticken ja die Uhren etwas anders. Und wahrhaftig, kaum eine Viertelstunde später sind gut zwei Drittel der 150 Sitze besetzt.
Neben Offiziellen aus den Botschaften und verschiedenen Institutionen sind Studenten und Lehrkräfte der hiesigen Universitäten im Publikum. Auf dem breiten, hölzernen Podium des Hörsaals nehmen fünf Männer Platz. Genau in der Mitte sitzt Pavel Kohout. 1928 in Prag geboren, ist er als Dramatiker und Schriftsteller international bekannt geworden. Als einer der Wortführer des „Prager Frühlings“ wurde er 1969 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und Ende der 70er Jahre zwangsausgebürgert. Heute lebt Kohout in Prag und Wien.
Der kleine Mann geht fast unter zwischen dem Leiter des Goethe-Instituts, Richard Künzel, und dem jugendlichen, groß gewachsenen tschechischen Botschafter Milan Sedlaèek. Künzel beschreibt in seiner Eröffnungsrede Kohout als eine „schillernde Persönlichkeit unserer Zeitgeschichte, der bedeutend zu entscheidenden Prozessen beigetragen hat, um Europa zu dem zu machen, was es heute ist.“ Er gibt einen Abriss aus Kohouts Leben, auf den der unscheinbare Mann antwortet: „Diese Biografie klingt eher wie eine Grabrede oder ein Nachruf. Es ist schon erstaunlich, dass der Träger dieser Lebensgeschichte hier sitzen darf.“

Vom Teufel zum Belzebub
Pavel Kohout beginnt seinen Vortrag „Vom Glanz und Elend von Demokratien“ mit einem Zitat von Winston Churchill: „Die Demokratie ist von allen Staatsformen die Beste.“ Das ist sein Standpunkt, sein Leben, könnte man meinen, denn der Sinn dieses Satzes zieht sich durch die gesamte Rede: „Ich will eines der weltgrößten Probleme ansprechen. Eines, dass ich selbst mitverfolgt und auch miterlebt habe, dabei geht es mir nicht darum, dass ich Fragen beantworte, viel mehr geht es um den gemeinsamen Austausch.“
Wer eine politische Analyse der Entwicklung dieser vor allem westlichen Gesellschaftsform erwartete, wurde enttäuscht. Es war eine Hommage für die Freiheit, auch für Europa.
Kohout spricht von der Zeit, als die Sowjetunion die Macht in den osteuropäischen Staaten übernimmt, als dem „Weg vom Teufel zum Belzebub.“ Offen erzählt er von den Repressalien, die er am eigenen Leibe spürte, nachdem er sich aktiv am Prager Frühling beteiligt hatte. Als Schriftsteller, Romancier und Essayist gab er der Opposition eine Stimme. 1979 wurde er dafür bestraft und durfte nach einem Besuch in Wien nicht in sein Heimatland Tschechien zurückkehren. Ihm wurde die Staatsbürgerschaft entzogen und verboten in dem ehemals kommunistischen Staat zu publizieren. 1989 hob die damalige Regierung dieses Verbot auf und behandelte ihn so, „als wäre nichts gewesen“, erzählt Pavel Kohout. „Das Jahr ´89 war voller Glück. Die günstige politische Konstellation mit Gorbatschow, Thatcher und Kohl ermöglichte eine Einmaligkeit in der Geschichte – nämlich, das Rad der Zeit zurückzudrehen, zurück zur Demokratie.“ Seitdem lebt Kohout mit seiner Frau Jelena sowohl in Prag als auch in Wien und hält Vorträge in der ganzen Welt. „Für die Europa-Woche haben mich die tschechische Botschaft und das Goethe-Institut in Almaty eingeladen. Sie stehen in gutem Kontakt und arbeiten eng zusammen, was mich persönlich sehr freut“, erklärt der agile Herr.

Ein unerfüllter Traum für alle Unterdrückten
Pavel Kohout spricht in Bildern, die knappe halbe Stunde ist lebendig und bewegend. So untermalt er seine Auffassungen mit kleinen Anekdoten und stellt Fragen. Eine, die immer wiederkehrt, ist die Suche nach der Antwort darauf, „warum der Glanz der Demokratien, trotz der vielen historischen Erfolge, immer wieder erlischt.“ In ruhigem Ton redet der kleine Mann mit dem mittlerweile fast weißen Haar weiter und findet selbst die Antwort: „Die Demokratie ist für alle Unterdrückten ein unerfüllter Traum. Doch wird sie vom Himmel erhört und breitet ihre Flügel aus, beginnt das Jammertal. Unverständnis kehrt ein, Erwartungen werden nicht erfüllt. Es ist so, wie wenn man eine fremde Sprache nicht versteht.“ Er vergleicht die Entwicklung von Demokratie mit dem Wachstum eines Baumes. Beides bedürfe einer langen Zeit, bis man die Krone sehe. „Demokratie kann man nicht implantieren, sie muss aus sich selbst hervorgehen, sich selbst entwickeln und dann wachsen.“ Dabei mahnt er zur Geduld und zum Kampf, „das zu erhalten, was wir nach 3.000 Jahren der Menschheitsgeschichte geschafft haben, und geduldig in alle Richtungen positive Signale zu senden.“ Pavel Kohout ist ruhig und besonnen. Es ist beeindruckend, wie präzise der 78-Jährige auf die Fragen der Zuhörer eingeht. Auf den Vorwurf eines Mannes aus dem Publikum, dass das Engagement der USA im Irak sicher kein Zeichen der Demokratie sei, antwortet er gelassen, doch bestimmt: „Ich setze den momentanen amerikanischen Präsidenten nicht gleich mit dem amerikanischen Verständnis von Demokratie und vertraue darauf, dass sich der politische Kurs der USA in den nächsten Jahren ändern wird. Fakt ist jedoch, dass die Vereinigten Staaten schon drei Mal die Menschheit vor einer Katastrophe gerettet haben. Während des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, und im Kalten Krieg. Und dieses Engagement beruht auf den Werten von Demokratie.“

mal noch was politisches:

"Kasachstan ist eine Imitationsdemokratie"

Zum „Internationalen Tag der Pressefreiheit“ veranstaltete das Büro für Menschenrechte in Almaty in Zusammenarbeit mit der US-Nichtregierungs- organisation „Freedom House“ eine Pressekonferenz, um über die Unabhängigkeit der Medien in Kasachstan zu informieren.

„Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückschaue, muss ich leider zugeben, dass die Entwicklung im Bereich der Pressefreiheit in Kasachstan alles andere als positiv war. Vor allem während des Wahlkampfes im letzten Dezember gab es einige Verhaftungen und Übergriffe, die sicher uns allen in besonderer Erinnerung sind.“ Mit diesen Worten beendete Antonio Stango die Pressekonferenz von „Freedom House“ zum Thema Freiheit der Medien in Kasachstan. Der Italiener ist der Projektdirektor der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation in Almaty. Seit drei Jahren engagiert sich die Organisation in Kasachstan dafür, vor allem Anwälte im Bereich der Menschenrechte zu trainieren und über die Entwicklung in der Gesetzgebung aufzuklären.
Der Raum im zweiten Stock des Presseklubs in der Kurmangasy-Straße inmitten der Almatyer Innenstadt ist prall gefüllt. Die Luft ist stickig, gut 30 Journalisten sitzen auf vier Stuhlreihen verteilt und hören gespannt auf die Redner vor ihnen.
Konzentriert schreiben einige von ihnen die Aussagen der Hauptakteure mit. Antonio Stango und Jewgeni Schowtis klären über die Lage der Medien in Kasachstan auf. Schowtis ist der Leiter des „Kasachsichen Internationalen Büros für Menschenrechte“ in Almaty. Er spricht offen über die Situation in Kasachstan: „Wir sind sehr erfolgreich darin, zu imitieren, eine Demokratie zu imitieren. Es gibt zwar eine vielfältige Medienlandschaft, aber keine unabhängigen Medien. Entweder sind sie verstaatlicht oder privat, und die einzelnen, die sich kritisch äußern, spüren sehr schnell, wo ihre Grenzen liegen.“
Diese Grenzen erläutert er während der Pressekonferenz und nennt verschiedene Themengebiete, die brisant für die Berichterstattung sind. Die Zuhörer sind aufmerksam, viele von ihnen lauschen gespannt und notieren die Worte Schowtis’: „Laut Gesetzgebung gibt es keine Zensur. Doch wir wissen, dass es gefährlich werden kann über die Präsidentenfamilie, Korruption oder das Verhältnis zu China und Russland zu schreiben.“ „Freedom House“ hatte im Vorfeld eine Liste veröffentlicht, in denen die Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas geordnet nach dem Grad der Pressefreiheit geführt werden. Kasachstan steht an Platz 23 von insgesamt 27 Ländern, hinter Kirgisistan, der Ukraine und Russland; nur Tadschikistan, Weißrussland, Usbekistan und Turkmenistan folgen.

Mediendruck und Zensur
Schon im „Jahresbericht über den Zustand der Presse- und Redefreiheit in Kasachstan 2005“ kritisierte „Freedom House“ die Entwicklung im Land. So wurde im Mai 2005 die Firme „Bastau“ geschlossen, der die oppositionelle Zeitung „Respublika“ gehörte. Zuvor hatte diese ein Interview mit dem russischen Politiker Wladimir Schirinowski veröffentlicht, in dem er sich kritisch über Kasachstan äußerte. Weiter musste die unabhängige Zeitung „Söz“ im gleichen Jahr eine Geldstrafe von 38.000 Dollar zahlen. Als Grund nannte das „Ministerium für Information und Kultur“ üble Nachrede. „Söz“ hatte darüber berichtet, dass Mitglieder der oppositionellen Partei „Ak Schol“ mit versteckten Kameras gefilmt wurden. Nach Schowtis war das einzige Ziel dieser Maßnahmen, „die Zeitung finanziell zu ruinieren und damit zu zerstören.“ Beispiele wie diese sind keine Einzelfälle.
Im vergangenen Jahr wurde ein neues „Gesetz zur nationalen Sicherheit“ verabschiedet. Es bietet den Gerichten viele Möglichkeiten, Medienanstalten zu beeinflussen und zu schließen. Antonio Stango betonte an dieser Stelle, wie wichtig die Existenz unabhängiger Medien ist: „Besonders für die junge Generation wächst die Bedeutung der Medienfreiheit und Menschenrechte. Und niemals, egal wo auf der Welt, sollte es einen Grund geben, ein Medienunternehmen zu schließen oder Journalisten zu verhaften.“
Der studierte Ingenieur Jewgeni Schowtis engagiert sich seit den Zeiten der Perestroika in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen. In Almaty ist er seit der Unabhängigkeit Kasachstans aktiv. Dort wird er vor allem durch die Vereinigten Staaten unterstützt, aber auch durch die deutsche Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Elvira Pak ist die Leiterin des FES-Büros in Almaty und unterstreicht die Bedeutung der Arbeit des Menschenrechtlers Schowtis: „Was er und seine Kollegen tun, ist sehr notwendig, um die Menschen richtig und auch rechtzeitig darüber zu informieren, was in Kasachstan passiert. Dadurch ist es möglich, sich kritisch und objektiv mit dem eigenen Land auseinander zu setzen, auch im Vergleich zu anderen Staaten.“
Im zentralasiatischen Vergleich ist nur in Kirgisistan ein positiver Trend erkennbar. Auf der Rangliste von „Freedom House“ steht das kleine Land südlich von Kasachstan weit vor Russland. Stango und Schowtis heben immer wieder die Bedeutung der Medien hervor, so unterstreicht Stango auch den medialen Einfluss auf die Politik: „Ist die Freiheit der Medien gesichert, so ist ein Land stabil. Viele Menschen glauben, dass gerade der Umkehrschluss die Stabilität eines Landes sichere. Doch wie wir am Beispiel Europas sehen, ist es gerade die Pressefreiheit, die verantwortlich ist für seine solide politische Lage.“



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